Künstliche Hüften, Organe, Arme und Beine retten und verbessern das Leben von Kranken und Behinderten. Doch wir werden weiter gehen. Wir haben schon längst begonnen, die Fähigkeiten des Menschen zu erweitern. Wohin führt das?

Das Eröffnungsspiel hatte noch nicht begonnen, da war der zukunftsweisendste Augenblick der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2014 schon vorbei. Juliano Pinto gab den symbolischen Anstoß für das erste Spiel von Brasilien gegen Kroatien – obwohl der 29-jährige Brasilianer querschnittsgelähmt ist. Ein Exoskelett machte es ihm möglich. Dabei steuerte Juliano seinen Roboter-Anzug einzig mit seinen Gedanken. Er dachte so etwas wie “jetzt kicken” und sein Fuß stieß den Ball.

Miguel Nicolelis, Neurowissenschaftler an der US-amerikanischen Duke University, ein brasilianischer Landsmann von Pinto und Leiter des Entwickler-Teams mit 156 Forschern, zeigte mit dem für Pinto entwickelten Exoskelett der ganzen Welt, was heute schon möglich ist.

Gehören “Körperbehinderungen” bald der Vergangenheit an?

High-Tech-Rollstühle, abgeflachte Bordsteine und niedrig positionierte Lichtschalter erleichtern Gehbehinderten schon heute das Leben. Doch nach wie vor erschöpfen sich unsere Maßnahmen zum größten Teil in der Linderung der Folgen körperlicher Behinderung im Alltag. In Zukunft werden wir uns immer intensiver der Ursache selbst annehmen. Neurowissenschaftliche, medizinische und technologische Innovationen können Blinde zu Sehenden, Taube zu Hörenden und Beinamputierte zu Läufern, Sprintern, Kletterern und Tänzern zu machen. Ein Mensch ohne Behinderung kann es gar nicht nachempfinden, wie groß das Gefühl der Befreiung sein muss.

Paraplegic Juliano Pinto kicked off this year’s World Cup using a brain-controlled robotic exoskeleton. (Source: The Guardian)

Paraplegic Juliano Pinto kicked off this year’s World Cup using a brain-controlled robotic exoskeleton. (Source: The Guardian)

Juliano Pinto hat uns einen Hoffnungsschimmer gezeigt. Pinto stand nur an der Außenlinie und der Ball rollte vielleicht zwei Meter weit. Erinnern wir uns an die Anfänge auf anderen technischen Gebieten. Die Computerleistung, die uns zum Mond brachte, haben wir heute vielfach in der Jackentasche. Vor zwanzig Jahren waren Roboter geradezu bemitleidenswert unfähig, während die Werke von Boston Dynamics mittlerweile wie Lebewesen aus einer anderen oder zukünftigen Welt aussehen. Heute schon.

Übrigens wurde die Firma Boston Dynamics verkauft, an Google, wie mehrere andere Roboter-Hersteller auch. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis im wachsenden wohlhabenden Teil der Welt niemand mehr unter einer körperlichen Behinderung leiden muss.

Wir haben Brillen entwickelt, damit der Fehlsichtige wieder klar sehen kann. Aber auch das Fernglas, um mehr sehen zu können. Haben wir jemals Halt gemacht, wenn es gut genug war? Wir können heute weiter sehen und hören als es der Mensch ohne Technik kann. Nein, die Forscher und Entwickler weltweit werden nicht an den Grenzen des für den nackten Menschen Möglichen aufhören. Die Rehabilitation geht nahtlos ins so genannte human enhancement über. In die breite Öffentlichkeit schwappte das Thema im Rahmen der Olympischen Sommerspiele von London 2012, als der beidseitig unterschenkelamputierte Sprinter Oscar Pistorius zu den Sprintwettbewerben der Nichtbehinderten zugelassen wurde. Zuvor war heftig diskutiert worden, ob der australische Athlet aufgrund seiner Carbonprothesen nicht vielleicht einen Vorteil gegenüber seinen Konkurrenten habe. Das Resultat: Auf der Rundbahn hatte er diesen Vorteil nicht, auf gerader und längerer Strecke schon.

Oscar Pistorius (Source: NRP)

Oscar Pistorius (Source: NRP)

Kompensieren, heilen – und erweitern!

Einen klaren Vorteil gegenüber Nicht-Behinderten bietet dem einarmigen Drummer der Rockband Def Leppard, Rick Allen, die vom Georgia Institute of Technology entwickelte „intelligente Armprothese“. Sie verfügt über zwei Drumsticks: Der eine wird direkt durch elektromyographische Sensoren kontrolliert, die die elektrische Spannung in der Oberarmmuskulatur erfassen und über einen Embedded-Prozessor auswerten, der dann wiederum mit Aktuatoren den Stick bewegt. Die Aktionen werden von einer integrierten Elektronik analysiert, die über Algorithmen den zweiten Stick automatisch dazu spielen lässt. Schon denkt man daran, künftig auch Menschen ohne Amputation für besondere Aufgaben einen automatisch agierenden dritten Arm geben zu können – zum Beispiel Chirurgen bei schwierigen Operationen.

Rick Allen (Source: Def Leppard News)

Rick Allen (Source: Def Leppard News)

Die Fortschritte der Prothetik haben mittlerweile dazu geführt, dass sich die früheren einfachen Prothesen zu hochkomplexen “Human-Machine-Interfaces” entwickelt haben, die in verschiedenen Modi eingesetzt, an konkrete Bedürfnisse angepasst und manche sogar per Smartphone-Apps gesteuert werden können.

Dass Querschnittsgelähmte in Zukunft auch ohne Exoskelette wieder laufen lernen können, hält man an der Universität Louisville im US-Bundesstaat Kentucky für möglich: Hier wurden Testpatienten Elektro-Implantate eingesetzt. Die elektrischen Signale an der Wirbelsäule aktivieren die noch vorhandenen gesunden Nerven und sind in der Lage, das Rückenmark zumindest teilweise „aufzuwecken“. Gleichzeitig arbeiten Wissenschaftler an der Vision einer dauerhaften Heilung der Querschnittslähmung: Die unterbrochenen Nervenbahnen an der Wirbelsäule sollen mithilfe von Stammzellen nachgezüchtet werden.

All das können wir wagen, weil wir den menschlichen Körper weitgehend erforscht und verstanden und in Prothetik und Robotik enorme Fortschritte erzielt haben. Unser Nervensystem, unsere Psyche und das unvorstellbar komplexe Zusammenspiel mit dem Körper sind uns hingegen in weiten Teilen noch rätselhaft. Und doch gehen Neuromediziner daran, durch Neuro-Implantate Erkrankungen des Gehirns zu heilen oder zumindest deren Auswirkungen auf den Patienten zu minimieren. Eines der bekanntesten Beispiele ist der sogenannte „Hirnschrittmacher“, der bei Parkinson-Patienten mit besonders schweren Beeinträchtigungen als Alternative Medikation gilt. Bei der tiefen Hirnstimulation werden dem Patienten Elektroden implantiert, die Impulse in der Zielregion des Gehirns abgeben und somit krankheitsbedingte Fehlleistungen korrigieren. Durch elektrische Stimulation im zentralen Nervensystem könnten auch Seh- und Gehörsinn betroffener Patienten wiederhergestellt werden. Auch der Migräne und der Depression will man mit tiefer Hirnstimulation begegnen.

Landminen-Opfer haben andere Sorgen

Juliano Pinto, der sich mithilfe seines gedankengesteuerten Exoskeletts bewegen kann, zeigt das enorme Potenzial, das durch das Zusammenspiel von mechanischer, elektronischer und neuronaler Technik entsteht. Durch die neuronale Verknüpfung von Prothesen, Implantaten und auch unserer Bekleidung mit dem menschlichen Körper und Geist werden kühne Visionen realistisch. Ob mit oder ohne Behinderung, die Grenzen werden verwischen. Wir werden die von der Natur gesetzten Grenzen unserer Fähigkeiten in so gut wie jeder Hinsicht grundlegend erweitern können.

Doch hilft das den vielen Menschen, die sich heute noch nicht einmal die einfachsten Prothesen leisten können? Es gibt Anlass, das zu hoffen und zu erwarten. Die Fortschritte mit High-Tech-Lösungen werden manchen Entwickler und Anbieter zur Frage führen, ob daraus nicht auch vereinfachte Produkte und Lösungen abgeleitet werden können. So haben Studenten der Stanford-University zusammen mit der Jaipur Foot Group ein künstliches Kniegelenk entwickelt, dass sich in kurzer Zeit aus fünf Stücken Plastik und vier Schrauben zusammenbauen lässt und nicht mehr als 20 US-Dollar kostet – eine enorme Verbesserung für Menschen in Entwicklungsländern, insbesondere für Opfer von Landminen. Mehr als 5000 Menschen wurden bereits mit dem „JaipurKnee“ versorgt.

Wann ist ein Mensch ein Mensch?

Wie bei allen technologischen und medizinischen Fortschritten stellt sich auch hier die Frage, wohin uns diese Entwicklung führt und wie sie unser Leben verändert. Entsteht hier eine unmenschliche Zukunft, in der sich nur die Reichen ihre Behinderungen wegoperieren lassen und sich zusätzlich noch „enhancen“ können, um dann so noch wettbewerbsfähiger und reicher zu werden? Greifen wir mit unseren Möglichkeiten in die Evolution des Menschen ein? Kommt der Transhumanismus, dessen Protagonisten sagen, dass es geradezu zur Evolution gehört, dass das entwickelte Wesen ab einem bestimmten Zeitpunkt sich selbst verbessert und eine neue, beschleunigte Ära und Form der Evolution einleitet?

Diese Diskussion ist nicht neu. In ähnlicher Weise wurde schon rund um die erste erfolgreiche kurativen Herztransplantation am Menschen im Jahr 1967 diskutiert. Auch vor 50 Jahren stritt man darüber, ob der Mensch mit einem künstlichen Herz noch ein Mensch ist. Mittlerweile gelten Herztransplantationen zwar nicht als medizinische Routine, aber zumindest als ethisch unbestritten. Das Neue ist die exponentiell zunehmende Geschwindigkeit der Innovation und damit auch ihre Reichweite in nahezu jede menschliche Fähigkeit.

Natürlich werden sich reichere Menschen und Gesellschaften die Früchte der Innovation leichter und vielfältiger leisten können als ärmere. Aber wie das Kniegelenk für 20 Euro beweist, können buchstäblich alle Menschen profitieren. Selbstverständlich können auch die hier beschriebenen Fortschritte missbraucht werden. Doch ein verantwortungsbewusster Einsatz wird bei weitem überwiegen. Heute schon leben wir mit technischen Hilfsmitteln, ohne dadurch unsere Menschlichkeit eingebüßt zu haben. Weder Brillen noch Hörgeräte noch Prothesen oder künstliche Organe haben uns zu unmenschlichen Cyborgs gemacht. Auch Exoskelette werden nicht dazu führen.

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