Das Mantra vieler Lebensberater ist eindeutig: Das Jetzt ist alles, was zählt. Das Leben findet allein in der Gegenwart statt. Zukunft und Vergangenheit gibt es nur in unseren Köpfen. Nur in der Jetzt-Zeit kann der Mensch im Einklang mit dem Universum leben. Auf den ersten Blick scheint es ein denkbar guter Rat zu sein, nur im Hier und Jetzt zu leben. Demnach läge die Wurzel vieler unserer Probleme darin, dass wir gedanklich überall sind, nur nicht bei uns selbst. Beim Essen schreiben wir Textnachrichten oder sehen fern. Lesen wir ein interessantes Buch, denken wir an nicht erledigte Aufgaben. Laufen wir durch den Frühlingsmorgen, hören wir nicht die Vögel singen, sondern sorgen uns um die Familie.

Lebe ganz im Hier und Jetzt?

Die Erkenntnis von regalmeterweise Ratgeber-Literatur und Volkshochschul-Seminaren gleich im Dutzend erscheint plausibel: Vergiss das Morgen und das Gestern so weit wie möglich und konzentriere dich auf das Heute. Denn Glück und Erfüllung sind immer Kinder des Augenblicks. Beides erfährst du nicht in der Vergangenheit und auch nicht in der Zukunft, sondern immer nur in der Gegenwart.

Die Trainer, Coaches, Therapeuten und Berater, die ein am Augenblick ausgerichtetes Leben propagieren, wissen natürlich, welchen Wert Zukunft und Vergangenheit haben. Sie streiten nicht ab, dass man aus Erfahrung lernt und auch aus der Zukunft lernen kann. Doch der Grundtenor bleibt stets derselbe: All das, was ein Mensch für ein erfülltes Leben braucht, kann er aus dem Hier und Jetzt ziehen.

Die Botschaft kommt gut an. Eckhart Tolles Buch “Jetzt! Die Kraft der Gegenwart” wurde in 35 Sprachen übersetzt und hat weltweit Millionen Leser gefunden. Über Jahre führte es die Amazon-Liste der Sparte “Spiritualität” auf Platz 1 an. Warum werden Bücher und Seminare mit der “Hier und Jetzt-Botschaft” von einem breiten Publikum so begeistert aufgesogen?

Ihre Illusion vom Ende Ihrer Geschichte

Jordi Quoidbach und sein Forscher-Team an der Harvard University werteten die Persönlichkeitsmerkmale von 19.000 Versuchspersonen im Alter zwischen 18 und 68 Jahren danach aus, wie sehr diese sich ihrer Einschätzung nach in den vergangenen zehn Jahren verändert hätten. Erwartungsgemäß hatten die Teilnehmer sehr gut im Blick, welche ihrer Lebensumstände, Werte und Vorlieben sich in diesem Zeitraum gewandelt hatten. Der Transfer von der Vergangenheit in die Gegenwart klappte also ganz gut.

Ging es aber um zukünftige Veränderungen, war auf einmal Schluss mit dem Überblick über das eigene Leben. Das Gros der Probanden ging davon aus, alles würde für immer so sein, wie es ist, dass sie sich nicht weiter verändern würden. Quoidbach beschreibt es so: “Es scheint so, als würden die Menschen die Gegenwart als eine Art Wasserscheide betrachten, in der ihre Entwicklung abgeschlossen ist. In der Gegenwart sind sie zu der Person geworden, die sie für den Rest ihres Lebens bleiben werden.” Das ist ziemlich verrückt, oder?

Man schaut zurück auf die persönliche Entwicklung der vergangenen Jahre. Der Musikgeschmack hat sich verändert, der Job ist ein anderer, neue Freunde sind hinzugekommen und frühere sind verschwunden. Man ist zum Vegetarier geworden oder hat das Bogenschießen für sich entdeckt. Wird man aber im Hier und Jetzt gefragt, wie intensiv man sich in der Zukunft verändern wird, hält man weiteren Wandel für weitgehend ausgeschlossen. Die persönliche Zukunft erscheint nur als eine in die Länge gezogene Gegenwart, unabhängig davon, ob man 18, 48 oder 68 Jahre alt ist. Die Schulabgängerin sieht sich ebenso am Ende ihrer persönlichen Entwicklung wie der 68-Jährige Rentner.

Die Arbeitsweise unseres Gehirns zeigt, dass wir Menschen für den Augenblick gemacht sind, für ein Leben in der Gegenwart. Aber noch ein zweiter Faktor macht das Leben im Hier und Jetzt so attraktiv für uns.

Mama!

Das Leben im Augenblick bietet Ruhe und Beherrschbarkeit. Hier kann man sich von der Komplexität der Welt erholen. Die Gegenwart ist dann einfacher zu ertragen. Wer nicht an Vergangenheit und Zukunft denkt, macht sich das Leben leicht. Er verdirbt sich nicht die Laune durch Gedanken an verpasste Chancen oder kommende Bedrohungen.

Für mich drückt der Wunsch nach einem rein gegenwärtigen und vermeintlich sorgenlosen Leben der Ausdruck einer Sehnsucht nach Regression aus. Man sehnt sich gewissermaßen zurück in die Zeit seiner Kindheit. Gerade Kleinkinder sind ausgesprochene Gegenwartswesen. Wenn man sie lässt, leben sie sorglos in den Tag hinein. Eine Sechsjährige will nicht morgen oder übermorgen Geburtstag haben, sondern heute. Mit einem Spruch wie: “Vorfreude ist die schönste Freude” erntet man bei ihr kein Verständnis.

Das ist gut und richtig so! Kinder brauchen diese sorglose Phase von Vertrauen und Geborgenheit. Doch bei Erwachsenen halte ich ein rein in der Gegenwart verankertes Dasein, Denken und Handeln für fatal und verwerflich. Anders als Kinder tragen Erwachsene Verantwortung, nicht nur für sich selbst, sondern auch für Familienmitglieder, Freunde, Mitarbeiter, Kollegen und ein wenig auch für alle Menschen weltweit. Erwachsene sollten nicht mehr nach “Mama” rufen, damit im Nu alles für sie geregelt wird. Je mehr Verantwortung jemand hat, je mehr das Wohl und die Existenz anderer Menschen von seinen Entscheidungen und Taten abhängt, desto schädlicher und gewissenloser ist das Ausblenden der Zukunft.

Ist die Zukunft schuld?

Man könnte einwenden, dass es uns bisher ja nichts Gutes gebracht hat, dass wir an die Zukunft gedacht und für die Zukunft gehandelt haben. Kriege, Artensterben und Finanzkrisen kommen doch gerade davon, dass Menschen sich nicht mit dem zufriedengeben wollen, was das Hier und Jetzt ihnen bietet. Sie verlangen mehr. Ein zufriedenes Leben im Hier und Jetzt würde da sinnvolle Mäßigung bedeuten, könnte man meinen. So lauten auch die Argumente der Gegner von Globalisierung, Fortschritt und freiem Handel.

Doch das ist ein weit verbreiteter Denkfehler. Die Gier des Menschen nach mehr ist kein Argument gegen die Zukunftsorientierung! Gier ist pure Kurzfrist-Orientierung und geradezu das Gegenteil dessen, was ich fordere. Unsere massiven Probleme haben wir uns nicht eingebrockt, weil wir zu viel in die Zukunft gedacht haben, sondern weil wir es nicht ausreichend und nicht gut genug getan haben!

Es geht nicht darum, immer mehr zu haben und dafür langfristiger zu denken. Es geht darum, die langfristigen Folgen unseres Tuns und Nicht-Tuns stärker ins Kalkül zu ziehen, damit es uns auch in Zukunft noch gut geht. Fast alle unsere großen Probleme haben wir, weil wir sie wegen unserer Kurzfrist-Orientierung nicht früh genug erkannt und gelöst haben, als sie noch kleine Probleme waren.

Konfuzius stellte schon im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung fest: “Wer sich nicht über seine Zukunft Gedanken macht, der wird sich bald über sein Heute sorgen müssen.” Er hat gewusst, dass ein ausschließlich im Hier und Jetzt geführtes Leben falsch ist und fatale Folgen haben kann. Was für Konfuzius vor 2500 Jahren in einer sich nur langsam verändernden Welt richtig war, gilt erst recht in einer unüberschaubar komplexen und sich ständig und schnell wandelnden Welt wie der heutigen.

Jetzt Richtung Dystopia

Machen wir ein Gedankenexperiment. Was würde passieren, wenn man allen Menschen auf der Erde das Bewusstsein für die Zukunft ausknipsen würde? Fangen wir ganz profan an: Wir würden schnell fett und krank werden, weil wir uns nur nach dem reinen Lustprinzip ernähren würden. Wir würden nicht mehr investieren, auch nicht in den Erhalt unserer Häuser, Maschinen und Versorgungssysteme. Investitionen werden ohne Zukunftsorientierung sinnlos. Wer würde noch Arbeitsplätze schaffen oder erhalten? Wozu sich an Gesetze und gute Sitten halten, wenn alle Gedanken an die Folgen ausgeblendet sind? Wir können das Experiment hier schon abbrechen. Wenn wir unser Leben nur noch im Hier und Jetzt leben, tappen wir zwangsläufig in eine Kurzfrist-Falle nach der anderen. Das Ergebnis wäre eine grauenvolle Dystopie.

“Aber ich plane ja meinen Urlaub ein Jahr im Voraus, in fünf Jahren –  nach der Beförderung – wollen wir unser Eigenheim haben, und die Ausbildungsversicherung für die Kinder habe ich auch schon abgeschlossen”, hört man die Einwände. Auf den ersten Blick schlagen wir uns beim Vorausdenken gar nicht mal so schlecht. Wir nehmen uns ständig vor, etwas zu tun und zu erreichen, was wir erstrebenswert finden. Wenn wir dann auch noch dem Plan gemäß handeln, ist alles gut. So lange wir uns dabei wohlfühlen, haben wir weder ein Problem im Denken noch im Tun.

Gefährlich wird es immer dann,

  1. wenn es um Entscheidungen mit großer Tragweite geht, die uns Angst macht,
  2. wenn uns schon das Denken an die Zukunft zu anstrengend ist, und
  3. wenn uns das für die Zukunft nötige Tun in der Gegenwart zu schnell erschöpft.

Wir dürfen das Wohlfühlen im Hier und Jetzt nicht über alles stellen.

Die Seele dankt

Selbstverständlich will ich Gegenwartsklarheit nicht generell verteufeln. Dauernd an Vergangenheit und Zukunft zu denken, hält uns davon ab zu tun. So gesehen haben die Jetztzeit-Gurus gar nicht mal Unrecht damit, dass wir unsere Gegenwartsklarheit ständig mit Gedanken an Vergangenheit und Zukunft trüben und darüber unglücklich werden, weil wir nicht tun, was wir eigentlich wollen. Natürlich ist der Fokus auf den Augenblick gut für die Seele.

Der Einzelne kann sein Leben vereinfachen und entschleunigen. Oft müssen wir das auch, um im rechten Moment stark genug für weitsichtige Entscheidungen und Taten zu sein. Sich persönlich zu entschleunigen, das viele Unwesentliche zu entfernen oder zu vereinfachen, geht völlig in Ordnung. Simplify your life – wunderbar! Das ist alles nicht das Problem.

Als wir noch Jäger und Sammler waren, unterschieden sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kaum voneinander. Wir konnten noch folgenlos unserem Instinkt folgen und einfach ganz im Hier und Jetzt leben. Doch heute ist das falsch.

Jetzt und Zukunft versöhnen

Kann die frohe Botschaft vom Hier und Jetzt so total falsch sein? Ja, sie ist falsch, wenn sie so gemeint ist oder so verstanden wird, dass man die Zukunft ausblenden möge.

Wir können weder die Zeit zurückdrehen noch alles Komplizierte und Komplexe um uns herum einfach verschwinden lassen. Gerade weil die Zukunft so unvorhersehbar ist, brauchen wir Orientierung mehr denn je. Gerade wegen der ungeheuren Komplexität dürfen wir die Zukunft nicht ausblenden. Wir müssen mit der Beschleunigung und Komplexität des Lebens intelligent Schritt halten. Gerade weil wir Schwierigkeiten haben, diese Komplexität erfolgreich zu bewältigen, dürfen wir nicht nur im Hier und Jetzt leben. Es kann nicht sinnvoll sein, uns aus freien Stücken des Zukunftssinnes zu berauben, den wir in Jahrtausenden allmählich entwickelt haben.

Die Jetztzeit-Propheten und die Zukunftsmanager können sich aber versöhnen, wenn sie verstehen, dass auch die Zukunft nur im Jetzt existiert, in unseren Köpfen. Damit es uns im Hier und Jetzt wirklich gut geht, muss die Zukunft in unseren Köpfen “wohlbestellt” sein. Sonst fühlen wir uns und sind in dieser komplexen und schnellen Welt orientierungslos und hilflos.

Nur wenn auch die Zukunft im Hier und Jetzt ihre Wirkung entfalten kann, sind wir wirklich weise und “ganz”. Im Wesentlichen des Lebens und bei allem, was mehr als nur uns selbst betrifft, müssen wir lernen, die Zukunft stärker im Jetzt wirken zu lassen.

Es geht nicht um die Prognose der nicht prognostizierbaren Zukunft. Es geht um Weitblick für langfristig sinnvollere Entscheidungen in der Gegenwart, im Hier und Jetzt. Das ist unsere Pflicht als einzelner Mensch. Das ist unsere Pflicht als Teil der Menschheit.