Diese Zukunftsblindheit ist uns angeboren: Das menschliche Gehirn ist strukturell eher ein Bremsklotz als ein Sprungbrett in die Zukunft. Oft erkennen wir die Zukunft erst, wenn sie schon Vergangenheit ist. Aber die gute Nachricht lautet: Wir können es umerziehen und trainieren.

Bildquelle: Wikipedia

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19. September 1991, um die Mittagszeit: Erika und Helmut Simon aus Nürnberg sind im Hochgebirge der Ötztaler Alpen unterwegs und verlassen beim Abstieg von der Fineilspitze im Bereich des Tisenjochs auf 3.210 Metern Höhe den markierten Weg, weil sie eine Abkürzung nehmen wollen. In einer mit Wasser gefüllten Felsmulde fällt ihnen durch Zufall etwas Bräunliches auf. Erst beim Näherkommen erkennen sie, dass es sich um eine menschliche Leiche handelt. Sie glauben zunächst, einen vor einigen Jahren verunglückten Bergsteiger gefunden zu haben und melden den Fund.

Schnell wird klar, dass die Leiche tatsächlich 5.250 Jahren alt ist! Der Fund wird als archäologische Jahrhundertsensation bejubelt. Mittlerweile ist “Ötzi” eine der bekanntesten Mumien überhaupt – und mit über 16.300 wahrscheinlich die Leiche mit den meisten Facebook-Freunden auf der Welt (https://www.facebook.com/OetziTheIceman). Jahrelang untersuchten Mediziner und Archäologen in Österreich den Körper, um herauszufinden, wie Ötzi lebte und woran er starb. Immer folgten sie dabei der Annahme, dass der Eismann entweder verhungert oder erfroren ist.

Unsere Annahmen bestimmen unsere Wahrnehmung

Doch einige Jahre später meldeten sich italienische Behörden. Ötzi sei gar nicht in Österreich, sondern knapp 93 Meter jenseits der Grenze auf italienischem Staatsgebiet gefunden worden. Das Schicksal des Eismannes wendete sich erneut: Die Österreicher mussten Ötzi ausliefern. Fortan bemühten sich Wissenschaftler in Bozen darum, ihm seine Geheimnisse zu entlocken. Doch im Gegensatz zu ihren nördlichen Nachbarn untersuchten die Italiener Ötzi auf Basis einer weiteren Annahme: Sie zogen neben dem Verhungern oder Erfrieren auch nichtnatürliche Todesursachen in Betracht. Also am Ende doch ein Kriminalfall…?

Im Juli 2001, fast zehn Jahre nach der Entdeckung, entdeckte man auf denselben CT-Bildern, über denen auch die Österreicher gebrütet hatten, in Ötzis linker Schulter eine Pfeilspitze aus Feuerstein. Dies warf alle bisherigen Theorien über den Haufen. Die Pfeilspitze dürfte ein großes Blutgefäß aufgerissen haben, was innerhalb weniger Minuten zum Tod durch Verbluten führt.

Unsere Vergangenheit kolonisiert unsere Zukunft

Was lernen wir aus dem Fall Ötzi? Wir können die Zukunft erst sehen, wenn wir sie gesehen haben. Unsere meist unbewussten Annahmen bestimmen, was wir wahrnehmen und wie wir Informationen interpretieren. Wir sind in unserem Denken und Sehen beeinflusst von dem, was wir auf Basis unserer Erfahrung für das Wahrscheinlichste halten – wir sind im wahrsten Sinne des Wortes “voreingenommen”.

Die Ursache für unsere Voreingenommenheit liegt in der Arbeitsweise unseres Gehirns: Es versucht, die Flut an Informationen, mit der es umgehen muss, möglichst effektiv zu ordnen, um sinnvolle Einschätzungen vorzunehmen und entsprechende Entscheidungen zu treffen. Der Hirnforscherin Kathleen McDermott von der Washington University in St. Louis hat dieses Ordnungsprinzip des menschlichen Gehirns sichtbar gemacht. In einem Experiment sollten sich Versuchspersonen zuerst an ihre letzte Geburtstagsparty erinnern und anschließend in Gedanken die nächste Party planen. Mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) wurde die Gehirnaktivität der Testpersonen aufgezeichnet.

Das Ergebnis überraschte die Forscher: Egal, ob sich ein Proband an die vergangene oder an die zukünftige Party dachte, es waren immer dieselben Hirnareale aktiv. Es war vollkommen egal, ob man in die Zukunft oder in die Vergangenheit blickte, das Messergebnis unter dem fMRT war dasselbe. “Ob wir uns an ein Erlebnis erinnern oder es uns in der Zukunft vorstellen, ist fast das Gleiche”, sagt auch Daniel Schacter, Psychologe an der Harvard University, der ähnliche Experimente wie McDermott durchgeführt hat.

Unser Gehirn stellt auf Basis von Erfahrungen permanent Annahmen über unser Umfeld auf. Dies tut es, weil wir nahezu süchtig danach sind, uns sicher zu fühlen. Leider ist unser Gehirn nicht so gebaut, dass es seine Annahmen ständig infrage stellt. Stattdessen sucht es fortwährend nach Bestätigung. Wir sind also oft gar nicht in der Lage, die für unsere Zukunft wichtigen und entscheidenden Veränderungen wahrzunehmen. Die Welt erscheint uns viel konstanter als sie ist. Unsere Wahrnehmung und Vorstellungskraft wird durch unsere Vergangenheit kolonisiert. Wir sind viel zu oft zukunftsblind.

An der Chance vorbei und ins Verderben

So wie jeder einzelne Mensch zum guten Teil zukunftsblind ist, sind es natürlich auch Gemeinschaften und Unternehmen. Die Smartphone-App “MyTaxi” bietet Nutzern die Möglichkeit, ein Taxi direkt online zu bestellen, ohne Telefonat und ohne Vermittlung, und es sogar bei der Anfahrt auf der Landkarte zu verfolgen. Offensichtlich haben die nun überraschten Betreiber von Taxizentralen nicht sehen können, dass Smartphones mit Internet-Verbindung und GPS-Chip die Taxizentrale überflüssig machen könnten. Sie hatten keine Erinnerung an eine solche Zukunft und konnten daher die ersten Signale weder wahrnehmen, noch sich vorstellen, was daraus werden würde. Ähnlich unvorstellbar war es wiederum für Taxiunternehmen, dass ein Unternehmen wie “Uber” in die Branche drängen und die Spielregeln grundlegend infrage stellen könne. Vergleichbar sind die Reaktionen auf “Airbnb”, einen bei Touristen immer beliebter werdenden und ebenfalls app-basierten Vermittler privater Unterkünfte, der das Gastgewerbe nicht nur kräftig aufmischt, sondern auch kräftig gegen sich aufbringt.

Ebenso unvorbereitet auf die Zukunft sind die unzähligen Wissensarbeiter in analysierenden, kreativen und beratenden Berufen. Heute können Software-Algorithmen und intelligente Maschinen nicht nur auf “Big Data” zurückgreifen, sondern hieraus auch noch künstlich intelligent und kreativ gut begründete Konzepte und sogar Beratungen erstellen. Das Unternehmen Deep Knowledge Ventures aus Hongkong hat eine solche Software sogar medienwirksam zum sechsten stimmberechtigen Mitglied ihres Vorstands erhoben. Kaum jemand kann sich das heute so recht vorstellen, dass der Steuerberater, Anwalt oder Marketingberater dereinst den Thron der wertschöpfenden Bevölkerung mit Wissenssystemen wird teilen müssen. Doch die Signale sind klar erkennbar, die ersten Prototypen arbeiten mit ansehnlicher Qualität. Vor wenigen Jahrzehnten trauten viele Entscheider der Informationstechnik auch nicht besonders viel zu. Noch vor wenigen Jahren konnten sich die Banker nicht vorstellen, dass man einen Kredit fallabschließend im Internet aufnehmen kann. Heute geht das innerhalb kürzester Zeit.

Schaffen Sie sich “Erinnerungen an die Zukunft”

Sie können Ihrer Zukunftsblindheit nicht vollkommen entrinnen. Niemand kann das. Aber Sie können Ihr Gehirn trainieren, indem Sie es systematisch mit Zukunftsinformationen füttern. Abonnieren Sie ein Dutzend Zukunftsblogs mit einem RSS-Reader wie Feedly, oder abonnieren Sie Zeitschriften wie die Technology Review. Gewinnen Sie die Zeit dafür, indem Sie keine Tagesnachrichten mehr lesen.
Konfrontieren Sie Ihr Gehirn gezielt mit Trends und neuen Technologien. Nehmen Sie sich die Zeit, mit etwas Phantasie die Bezüge zu Ihrem Leben herzustellen. Ihre Frage ist dann nicht “was ist relevant?”, sondern “was kann relevant werden, wie kann es relevant werden, wie kann ich es relevant machen?”.

So können Sie sich besser an die Zukunft erinnern und sie im täglichen Informationsstrom erkennen, weil Sie sie ja schon einmal gesehen haben. So erweitern Sie Ihre Wahrnehmungsfähigkeit, so sind Sie weniger zukunftsblind, so sehen Sie mehr von der Zukunft als andere. Es wird Ihr Leben bereichern.

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