Wird Technologie zur gezielten Beschleunigung unserer Evolution dienen? Und darf sie das?

Zu Beginn dieses Jahrtausends wurde der Begriff ‘Anthropozän’ als Benennung eines neuen Erdzeitalters vorgeschlagen. Im Mittelpunkt steht der Mensch, der so mächtig geworden ist, dass er biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozessen unverkennbar seinen Stempel aufdrückt. In Zukunft könnte das auch die Evolution des Menschen selbst einschließen.

Technologisch passen wir nicht mehr nur die Umwelt unseren Bedürfnissen an oder schützen uns vor ihren Einflüssen, sondern wir beginnen, uns selbst zu optimieren: prothetisch, genetisch, nanotechnologisch, pharmakologisch und digital. Wir sind immer stärker in der Lage, die uns physiologisch gesetzten Grenzen zu überwinden. Die Brille von heute, mit der wir eine Sehschwäche korrigieren, ist die Kontaktlinse von morgen, mit der wir weit Entferntes wie mit einer Kamera heranzoomen können. Gentechnologie wiederum könnte es uns eines Tages ermöglichen, unser Sehspektrum zu erweitern und das Universum mit neuen Augen zu sehen. Oder ein ganz neues Universum. Die Leistung unserer Sinne bestimmt was wir wahrnehmen und damit was wir denken und tun. Und auch, was wir sind.

Enhancement: Entgrenzung unserer Sinne

Das Ziel solchen “Enhancements” ist also, nicht nur körperliche Defizite zu überwinden, sondern unsere Leistungsfähigkeit über das uns von der natürlichen Evolution gegebene Maß zu erweitern. Mit Updates und Upgrades werden wir in Zukunft nicht nur unsere Sinne optimieren und erweitern. Wir werden auch anders mit Menschen und Maschinen interagieren. Wir werden uns mehr mit anderen verbunden fühlen können, weil wir Sinneseindrücke und Gefühle auf ganz neue Arten miteinander teilen:

  • Über Wearables können wir Familienangehörige und Freunde einfach an dem, was wir gerade erleben, teilhaben lassen – und zwar aus unserer Perspektive.
  • Insideables, bisher etwa ein Herzschrittmacher, zukünftig Mikro-Roboter, können durch Blutgefäße oder Darm wandern und dabei diagnostizieren, reparieren und heilen.
  • Mit Augmented Reality können wir jederzeit Informationen sowie Personen, Objekte und Phänomene in unseren Wahrnehmungsbereich projizieren, die zum Beispiel weit entfernt, bereits vergangen oder nicht real sind.
  • Sinneseindrücke und Gefühle können digital codiert und neuronal – auch bei anderen – reproduziert werden. Vielleicht können wir eines Tages sogar unsere Erinnerungen an unsere Kinder vererben.
  • Über vernetzte Prothesen und so genannte Exoskelette können wir die Körperbewegungen anderer steuern, etwa um Fertigkeiten in Sport und Beruf zu vermitteln.
  • Wir können Bewegungsabläufe auf virtuelle Figuren oder Roboter übertragen – oder ihnen umgekehrt die Kontrolle über unser sinnliches Empfinden überlassen.
  • Mensch-Maschine-Schnittstellen der übernächsten Generation ermöglichen es, Geräte durch Gedankenkraft zu kontrollieren und mit Computertechnologie mental zu interagieren.

Was wollen und was dürfen wir?

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Mensch im Laufe des 21. Jahrhunderts seine nächste Evolutionsstufe selbst auslöst – nicht durch natürliche Selektion, sondern durch Enhancement. In Zukunft erfahren wir andere Menschen, Geräte und Objekte zunehmend als Erweiterungen unserer selbst. Wir legen unsere eigene Körperlichkeit als Avatare zweitweise in virtuellen Räumen ab. Wir implantieren Maschinen und Computerchips in unsere Körper und werden so zu Cyborgs.

Nicht alle werden diesen Schritt mitgehen wollen und nicht alle können. Die Entgrenzung des Körpers nach innen und außen wirft Fragen nach der menschlichen Identität auf. Bis zu welchem Punkt sind wir noch Mensch? Was wird aus dem Grundsatz, dass wir zumindest biologisch alle gleich geboren sind? Wird die Lücke zwischen Reichen, die sich selbst erweitern können und so immer produktiver und mächtiger werden und denen, die es sich nicht leisten können, auf ewig unüberbrückbar? Muss es deshalb ein Recht auf bedingungsloses Enhancement geben? Oder müssen wir die Gunst der frühen Stunde nutzen und alle neuen Enhancements gesetzlich verbieten? Wir müssen jedenfalls allmählich beginnen, uns an diese neue Wirklichkeit zu gewöhnen und uns Überzeugungen darüber zu bilden, was gut und richtig und was schädlich und falsch ist.

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