Nichts als die Wahrheit! Stellen Sie sich vor, Sie leben in zehn bis 15 Jahren in einer Welt, in der jede Information und jede Aussage sofort und automatisch auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft werden kann.

Es häufen sich nämlich Signale aus vier Richtungen.

  1. An Mimik, Gestik, Tonfall und dem Blutflussmuster im Gesicht können geübte Menschen eine Lüge erkennen. Und künstliche Intelligenz kann es heute schon besser.
  2. Auch sprachliche Merkmale lassen sich durch Software erkennen und analysieren, so dass gelogene Aussagen, ob gesprochen oder geschrieben, immer besser erkennbar werden.
  3. Software kann Sprache in Text umsetzen und natürlich Text lesen. Software ist immer besser in der Lage, den Wahrheitsgehalt einer Aussage durch Abgleich mit dem gesamten im Internet gespeicherten Wissen abzugleichen.
  4. Bei einer Lüge sind bestimmte Hirnregionen besonders aktiv, was man mit einem fMRT sichtbar machen kann.

Und das meiste davon können wir zukünftig womöglich unbemerkt über unsere Datenbrillen oder Datenlinsen nutzen, die unsere Handys ergänzen oder gar ersetzen. Es ist also gar nicht so verrückt, davon auszugehen, dass Lügen früher oder später praktisch unmöglich wird. Es sei denn, wir schirmen uns vor aller Technik ab. Was dann aber auch verdächtig aussieht. Wir werden zur Ehrlichkeit gezwungen!

Soziale Lügen gegen die Einsamkeit

Es gibt ja viele Gründe zu lügen. Auch legitime und ehrbare. “Na, wie hat es geschmeckt?” “Ja, prima, ausgezeichnet” ist sehr oft eine so genannte soziale Lüge. Soziale Lügen dienen dazu, Beziehungen nicht unnötig zu belasten. Sie dienen dazu, dass sich unsere Freunde und Verwandte mit uns wohl fühlen und wir nicht in Einsamkeit verkümmern.

Was aber, wenn das sensorisch hochgerüstete Smart Home Ihrer Gastgeber anhand Ihrer Mimik, Gestik oder dem Blutflussmuster in Ihrem Gesicht anzeigt, dass Sie alles andere als ehrlich geantwortet haben? Kaum auszudenken, wie viel wir streiten und Mitmenschen verletzten würden, wenn wir unnötigerweise immer alles frei heraus sagen würden, was wir wirklich denken.

Nun wird nicht alles, was heute und morgen technologisch möglich ist, gleich morgen breite Anwendung finden. Dennoch sind Technologien zur Erkennung von Lügen und Fake News bereits in der Welt, in Laboren und Forschungseinrichtungen, als Prototypen und Nischenanwendungen. Bei allen Bedenken: Es gibt Einsatzbereiche, wo sie sehr hilfreich sein könnten.

Lebenshilfe für psychische Störungen und Erkrankungen

Das MIT hat ein System vorgestellt, das aus einem Wearable und einer App besteht. Es kann die Emotionen von Menschen während einer Unterhaltung erkennen. Die künstliche emotionale Intelligenz analysiert Sprachmuster und die Mimik des Gegenübers – mit einer Genauigkeit von 83 Prozent. Unterstützen soll sie zunächst Menschen, die unter Autismus und sozialen Phobien leiden, denen es also schwerfällt, andere richtig einzuschätzen.

Wie bekämpfen wir Fake News und alternative Fakten?

Manche sprechen ja vom postfaktischen Zeitalter. Falschinformationen im Internet kann man mit Verfahren zur computerlinguistischen Analyse identifizieren. Die Einschätzung des Wahrheitsgehaltes einer Aussage erfolgt aufgrund sprachlicher Merkmale sowie durch Abgleich mit an unzähligen anderen Stellen gespeicherten Aussagen im Internet, also per Big Data Analytics. Mit dem so genannten semantischen Web werden die Ergebnisse noch zuverlässiger.

Im Netz kursierende Informationen könnten so mit einem Wahrheitsindex klassifiziert werden, der zwar nur Wahrscheinlichkeiten benennt, aber immerhin Orientierung ermöglicht. Noch können Algorithmen nicht sicher zwischen falschen und richtigen Behauptungen unterscheiden. Aber es ist keine Zukunftsmusik. Eine solche Technologie wird zum Beispiel im EU-Forschungsprojekt Pheme entwickelt. Und weltweit stellen sich zahlreiche Forscherteams in der Fake News Challenge zurzeit der Herausforderung, eine funktionierende Lösung zu entwickeln.

Stellen Sie sich mal vor. Bei jeder Rede und jedem Talkshow-Beitrag eines Politikers oder Vorstands wird in einem farbigen Fenster angezeigt, wie wahr die eben geäußerte Behauptung ist.

Das Ende des postfaktischen Zeitalters könnte kommen, kaum, dass es angebrochen ist. Aber so leicht ist es dann doch nicht. Wer betreibt die Software? Können wir den Internet-Unternehmen und Regierungen vertrauen? Nicht nur Menschen mit einer Tendenz zur Paranoia befürchten hier Zensur und Manipulation.

Kommt die perfekte Verbrechensaufklärung?

Klassische Lügendetektoren messen physio-psychologische Parameter wie Blutdruck, Puls, Atmung und die elektrische Leitfähigkeit der Haut. Menschen sind aber keine Maschinen und reagieren in Stresssituationen durchaus unterschiedlich, so dass nicht auszuschließen ist, dass der Lügendetektor auch dann eine Lüge anzeigt, wenn der Befragte die Wahrheit sagt. Zudem müssen die Ergebnisse durch den so genannten Polygraphisten interpretiert werden. So erfahren er oder sie auch ist – Interpretationen sind fehlbar. Deshalb ist der Polygraph in Deutschland und vielen anderen Ländern als Hilfsmittel in der Verbrechensaufklärung nicht zugelassen.

Werden technologische Fortschritte das ändern?

Forscher der Universität von Michigan haben eine Software entwickelt, der es in 75 Prozent der Fälle gelingt, Lügner zu entlarven. In einem ersten Schritt wurden Videoaufnahmen von Aussagen vor Gericht ausgewertet, also realen Fällen, die nicht unter Laborbedingungen stattfanden. Das System wurde dann trainiert nach Auffälligkeiten in Tonfall, Mimik und Gestik zu suchen, die bei Lügnern signifikant häufiger vorkommen. Nun sind 75 Prozent keine 100 Prozent. Der Mensch schneidet mit einer Quote von 50 Prozent im Vergleich aber deutlich schlechter ab! Da liegt es nahe, die Einschätzung des Gegenübers quasi an die Technik outzusourcen.

Das kanadische Start-up NuraLogix will mit der Bildverarbeitungs-Software ‘Transdermal Optical Imaging’ gar das Blutflussmuster im Gesicht von Menschen analysieren, um versteckte Emotionen sichtbar zu machen. Auch das kann vor Probanden vollkommen verborgen werden.

Noch nicht verbergen kann man, was noch tiefer geht: In den letzten Jahren hat sich die Lügendetektion mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRI) beachtlich entwickelt. Neurowissenschaftler kommen der Lüge dort auf die Spur, wo sie entsteht: im Gehirn. Schon seit gut zehn Jahren werden solche Verfahren von Unternehmen angeboten, zum Beispiel von ‘No Lie MRI’ aus Kalifornien. Sie werben mit der Aussage: “the first and only direct measure of truth verification and lie detection in human history!” Die erste und einzige Lösung für Wahrheitsüberprüfung und Lügenerkennung der Geschichte. Beim Lügen sind bestimmte Hirnregionen verstärkt aktiv. Der Scan macht das sichtbar.

War ein Verdächtiger schon einmal am Tatort? Es gibt schon seit Jahren Software, die das mit 90 Prozent Wahrscheinlichkeit ermitteln kann. Der Neurophysiker John-Dylan Haynes vom Bernstein Center of Computational Neuroscience in Berlin hat mit Hilfe einer Software zur Interpretation der Hirnaktivität ermitteln können, ob ein Proband einen gezeigten Raum zuvor schon einmal gesehen hat. ‘Crime Scene Recognition’ nennt sich das. Nun muss auf der Grundlage entsprechender Technologien kein Urteil gesprochen werden, aber sie könnten zumindest zur Wahrheitsfindung herangezogen werden.

Studien deuten darauf hin, dass die fMRI-Methode zwar erfolgreicher ist, doch besteht letzten Endes die gleiche Unsicherheit wie beim klassischen Lügendetektor: Unter welchem psychischen und emotionalem Druck steht die Testperson? Inwieweit lassen sich Testergebnisse mit vielen Personen unter Laborbedingungen, die ja in gewisser Hinsicht ‘Fake-Situationen’ sind, auf reale Bedingungen übertragen? Was, wenn der Lügner, das, was er sagt, selbst für wahr hält? Was, wenn das System lügt, weil es manipuliert wurde? Wer interpretiert die Ergebnisse? Und wie fühlt sich der Interpretierende heute?

Hoffnungen und Zweifel

Lüge oder Wahrheit? Fake oder Real News? Zu diesen Fragen werden neue Verfahren der neurologischen und biochemischen Vermessung des Menschen und seiner Aussagen in Zukunft immer mehr Daten liefern. Und künstliche Intelligenz ist bewiesenermaßen schon heute besser als der durchschnittliche Mensch, wenn es um die Erkennung von Lügen und Fake News geht.

Gleichzeitig bedeutet das aber auch eine Welt, in der Persönlichkeitsrechte nach heutigen Maßstäben drastisch verletzt werden. Damit müssen wir erst einmal klarkommen. Oder versuchen, den ganzen Zauber zu verbieten. Erfahrungsgemäß hat das freilich wenig Aussicht auf Erfolg.

Und jetzt?

Trotz ethischer Bedenken und rechtlicher Hürden ist es sehr wahrscheinlich, dass Wahrheitstechnologien breite Anwendung finden und eine Wahrheitsbranche entsteht. Es ist ein Zukunftsmarkt. Wahrscheinlich ist ‘Truth Engineer’ oder ‘Trust Engineer’ ein Beruf der Zukunft.

Trust technologies und trust solutions sind heute schon ein brennender Bedarf. Nicht zuletzt ist der Hype um Blockchains ein klares Signal dafür.

Wo können Sie heute schon die Wahrheit fördern und sicherstellen, und damit den unbezahlbaren Faktor Vertrauen fördern? Die massive Verbreitung von Bewertungen und Rezensionen hat in den letzten zwanzig Jahren viele betrügerische Produkte und Geschäfte abgestraft oder gar vom Markt gewischt. Worüber wir hier nachdenken, ist im Prinzip die Fortsetzung davon.

Es geht nicht nur um Vertrauen in Menschen. Auch in die andere Richtung müssen wir denken: Sollte künstliche Intelligenz eines Tages tatsächlich so etwas wie Bewusstsein entwickeln, könnte sie sich durch Lüge und Fehlinformation gezielt Vorteile gegenüber den Menschen verschaffen. Immerhin hat der Mensch seit kurzem keine Chance mehr im Poker gegen künstliche Intelligenz. Sie blufft sogar besser als menschliche Meister im Poker.

Ich gehe im Resultat davon aus, dass wir eine ehrlichere, wahrheitsliebendere und vertrauenswürdigere Welt schaffen werden. Es ist wirklich nötig, wie die jüngsten Entwicklungen zeigen.

Und wenn es so weit ist, schalten Sie bitte die Wahrheits-App aus, wenn Sie Ihre Gäste nach dem Dessert fragen, wie Ihr Menü geschmeckt hat.

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