Der Mensch ist zwar das einzige Lebewesen, das über langfristige Zukünfte nachdenken kann – aber dies augenscheinlich nicht besonders gut.

Politiker können einem manchmal leidtun. Sobald der Wahltag näher rückt, treten deren Versäumnisse in den Vordergrund zulasten ihrer Erfolge und Errungenschaften – und das unabhängig davon, wer gerade regiert und was konkret versprochen wurde. Das Kurzfrist-Tier in uns hat permanent Hochkonjunktur. Das Glück muss schnell kommen, und sei es auch nur der kleine Glücksspatz in der Hand.Man weiß es intuitiv: Menschen und Unternehmen sind signifikant erfolgreicher, wenn sie einem langfristigen Denk- und Handlungshorizont folgen. Das lässt sich an der Bereitschaft messen, kurzfristige Belohnungen zugunsten langfristiger zurückzustellen. Es erinnert an das bekannte Marshmallow-Experiment aus den 1960er-Jahren. Konnte sich ein Kind 15 Minuten lang zurückhalten, den einen dargebotenen Marshmallow zu essen, bekam es einen zweiten. Jahrzehnte später stellte man fest, dass diejenigen, die zum Belohnungsaufschub fähig waren, in der Regel sozial und beruflich erfolgreicher geworden waren als diejenigen, die sich schneller belohnten.

Wir tun gut daran, echtes Glück von Pseudo-Glück zu unterscheiden.

Kurzfristfalle_Content3Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat uns vor Augen geführt, wie kurzfristig wir denken und handeln. Opfern wir Gesundheit und Vermögen im Alter für das bequeme Leben im Hier und Jetzt? Genießen wir lieber die Beliebtheit, obwohl unpopuläre Entscheidungen notwendig wären? Zugegeben, der Genuss im Hier und Jetzt macht das Leben oft erst lebenswert. Wir tun daher gut daran, die zumeist folgenlosen Augenblicke echten Glücks von den Situationen des Pseudo-Glücks zu unterscheiden. In letzteren befinden wir uns, wenn wir aus Trägheit, Dummheit, Gier oder Angst Dinge tun, die uns, unseren Mitmenschen und oft der gesamten Menschheit langfristig erheblich schaden oder gar existenziell gefährden.

Als die Menschen noch wilde Tiere jagten und Früchte sammelten, brauchten sie zum Überleben allenfalls eine Ahnung vom Phänomen Zukunft. Als sie sesshaft und Landwirte wurden, erweiterte sich ihr Zeit-Horizont auf den Jahresrhythmus. Bis zur Aufklärung und der Industrialisierung blieb das Langfristdenken ein Privileg einiger weniger. Mittlerweile haben wir Systeme geschaffen, die nur innerhalb langfristiger Denk- und Entscheidungshorizonte erfolgreich gesteuert werden können.
Und dennoch siegt die Gier nach sofortigem Genuss und unmittelbarer Befriedigung regelmäßig über das langfristig Gesunde und Sinnvolle. So treffen wir einen Großteil unserer alltäglichen Entscheidungen mit wenig Bedacht. Offenbar, weil wir offenbar so gebaut sind. Aber woran soll langfristiges Denken ausgerichtet werden? Am Gewinn wohl kaum, weil er nie alle ihm gegenüberstehenden langfristigen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ökologischen Belastungen ausdrückt. Er kann sogar leicht die Existenz gefährden. In monetärer Hinsicht wäre der Wert des Unternehmens, gemessen an der Qualität seiner Kundenbeziehungen, seiner Produkte und Leistungen sowie an der Kreativität und Leistung seiner Mitarbeiter, durchaus ein idealer Maßstab. Daran orientieren sich unzählige private Unternehmer, die dafür auch mit weitem Blick investieren und entscheiden. Leider wurde dieser Gedanke pervertiert, weil sich die Prinzipien des nachhaltigen Unternehmenswertes an der Börse praktisch ins Gegenteil verwandelten und so die an Langfristigkeit orientierte Idee des Unternehmenswertes unter dem Begriff Shareholder Value zum Unwort wurde.

Das Kurzfrist-Tier in uns verkleidet sich gerne als Mehrheitsmeinung, aber auch als Intuition.

Und auch auf den Instinkt der „Massen“ können wir uns nicht verlassen. Wider jede Vernunft und auf Kosten unserer finanziellen Zukunft wird heftig gegen die Erhöhung des Rentenalters protestiert. Höhere Lebenserwartung, deutliche Alterung bei besserer Gesundheit und notleidende Rentenkassen werden weitgehend ignoriert.

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Und wie wäre es, wenn wir uns von stärker unserer Intuition leiten lassen? Das macht fraglos das Leben leichter, weil wir so die Komplexität des Lebens und unserer Entscheidungen reduzieren können. Aber könnte es nicht sein, dass die Intuition uns gerade bei den kritischen Langfristentscheidungen, deren Auswirkungen über unser enges Lebensumfeld hinausgehen, oftmals wenig hilft? Es spricht viel für die Annahme, dass sich viele unserer Systeme und Prozesse der Erfassung durch unsere Intuition entziehen. Gute Intuition ist unbezahlbar wertvoll, wenn wir in vertrauten Situationen sind.
Aber sie ist unbezahlbar gefährlich, wenn wir ganz neue Situationen erleben. Das Kurzfrist-Tier in uns verkleidet sich gerne, auch als Intuition.
Wie können wir die Langfristorientierung deutlich steigern, ohne dabei das heute Nötige und Notwendige zu vernachlässigen? Hinsichtlich der Unternehmensführung weiß man seit langem recht genau, welche Prinzipien zu nachhaltig erfolgreichem Wirtschaften führen. Das Primat der Wirkungen von Produkten, Leistungen und Lösungen, die Konzentration auf die gut beherrschten Geschäfte und Wertschöpfungsteile und eine nicht auf heutige Rendite, sondern auf zukünftige Stärke ausgerichtete Finanzstrategie sind Beispiele dafür. Hilfreich wäre es zudem, die Anreiz- und Belohnungsstrukturen unter die Lupe zu nehmen und so zu gestalten, dass sie langfristigen Erfolg honorieren. Gelingen wird dies aber nur dort, wo die Manager und Mitarbeiter so lange an ihren Aufgaben arbeiten dürfen, dass sie ihren Erfolg in ihrem Job auch erleben können.

Schaue immer mehr und länger auf das Ganze als auf dich selbst.

Jeder muss sein Kurzfrist-Tier in sich selbst  zähmen. Die Methoden und Werkzeuge des Zukunftsmanagements können viel dazu beitragen, dass wir beim Zukunftsdenken nicht mehr ganz so kläglich versagen. Es gilt zu lernen, Szenarien möglicher, wahrscheinlicher und überraschender Zukünfte zu entwickeln und sie im praktischen Leben für bessere Entscheidungen zu nutzen. Und es gilt zu lernen, wie man gerade dort Alternativen entwickelt, wo es auf den ersten Blick keine gibt. Die größte Herausforderung liegt in uns selbst.

Wenn man glaubt, vor einer wichtigen Entscheidung zu stehen, mögen einige Prinzipien helfen: Schaue immer auf dein ganzes Leben und auf die Auswirkungen darauf. Schaue immer mehr und länger auf das Ganze als auf dich selbst. Und, hier sei Kant bemüht, handele und entscheide so, dass die Welt eine bessere wäre, wenn alle so handeln und entscheiden würden. Das Gemeinsame an diesen Strategien ist, dass wir zwischen unsere intuitiven Reize und unsere Entscheidungen eine Portion mehr Intelligenz setzen. Zähme das Kurzfrist-Tier in Dir und in Deiner Umgebung und fördere den Blick auf das Langfristige und Ganze, es lohnt sich vielfach und ist zu unser aller Wohl.

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